Herlinde Koelbl – Targets

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Das passiert uns auch nicht jeden Tag: Außenminister Frank-Walter Steinmeier hält unser Buch in die Kamera! Das Foto entstand am Eröffnungstag der Ausstellung „Targets“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Die Fotografin Herlinde Koelbl hatte gerade Herrn Steinmeier durch ihre Ausstellung geführt …

Herlinde Koelbls erstes "target", fotografiert vor 30 Jahren

Herlinde Koelbls erstes „target“, fotografiert vor 30 Jahren

Herlinde Koelbl, Deutschlands wichtigste Fotografin der Gegenwart, hat schon mehrfach Langzeitprojekte durchgeführt, ihr bekanntestes ist „Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“ mit Porträts von Bundespolitikern wie Angela Merkel, Joschka Fischer oder Gerhard Schröder. Für ihr aktuelles Projekt „Targets“ war sie sechs Jahre lang unterwegs. Wie es dazu kam, erzählt sie in ihrem Buch:

An einem Wintertag, eisig kalt und im ersten Morgenlicht, fotografierte ich vor dreißig Jahren mein erstes „target“: eine zerschossene, durchlöcherte Blechfigur, die in Ackerfurchen stand. Damals arbeitete ich an einer Geschichte über die Bundeswehr. Dieses Bild wurde nie veröffentlicht, es interessierte mich nur persönlich, doch es setzte sich in meinem Gedächtnis fest. Als ein Symbol für Gewalt und Tod. Vor sechs Jahren nahm ich dieses Thema wieder auf. Mich interessierten die Ziele, an denen Soldaten konditioniert werden … Wie ist der Feind dargestellt, den sie später töten sollen? Ist er eine abstrakte Figur? Hat er ein Gesicht und wenn ja, was für eins? Gibt es kulturelle Unterschiede? Hat sich das Feindbild mit der Zeit verändert?

Deutschland

Deutschland

Herlinde Koelbl ist dieser Frage auf Schießplätzen und Kasernen in allen Teilen der Welt nachgegangen und hat Zielscheiben in unterirdischen Tunneln, trostlosen Wüstencamps und arabischen Kulissendörfern fotografiert:

Der Feind ist immer der andere. Auf welcher Seite ein Soldat auch steht, er glaubt immer auf der richtigen Seite zu sein. Und er muss es wohl glauben, um bereit zu sein zu sterben. „Ich bin bereit, jemanden zu erschießen, aber auch, erschossen zu werden. Das gehört zu meinem Beruf!“, sagte mir ein ISAF-Soldat in Afghanistan. Sich in solch extremen Situationen beweisen zu wollen und zu müssen, ist eine Erfahrung, die die Soldaten nie vergessen. Und manchmal auch immer wieder suchen. „Nie bist du lebendiger als im Angesicht des Todes.“

Israel - Afghanistan

Israel – Afghanistan

Herlinde Koelbl hat nicht nur die Schießziele fotografiert, sondern auch Soldaten porträtiert und Interviews mit ihnen geführt. Das hatte sie ursprünglich nicht geplant, doch ein Erlebnis auf einem Trainingsplatz zeigte ihr, dass die Soldaten selbst in letzter Konsequenz die Ziele sind:

Auf einem der großen, international genutzten Trainingsplätze sah ich keine Figuren mehr als Übungsziele. Die Soldaten selbst waren die Ziele, denn heute werden in sehr vielen Ländern Simulationssysteme verwendet. Der Soldat, seine Waffe, die Fahrzeuge, möglichst alles wird elektronisch vernetzt. So wird eine pseudorealistische Situation erzeugt: Die Soldaten schießen direkt auf die Kameraden, die als ‚Feinde‘ agieren. Für manche ist dies beim ersten Mal eine Hürde, die sie bewusst überspringen müssen. Das ist ganz im Sinne einer Desensibilisierung im Hinblick auf eine zukünftige Realität.

Russland - Deutschland

Russland – Deutschland

Dabei entscheiden Sekundenbruchteile über Leben und Tod, wie ein israelischer Soldat sagte: „Sobald du nachdenkst: soll ich schießen, er oder ich, ist es schon zu spät und du bist tot.“

Brasilien - USA

Brasilien – USA

„Es klingt grausam, aber das Töten muss automatisiert werden, um zu funktionieren.“

Libanon - Südafrika

Libanon – Südafrika

So unterschiedlich wie die Ziele waren auch die Kultur und Betreuung in den jeweiligen Ländern. Im Süden Frankreichs musste ich mittags vom Schießplatz zurück in die Kaserne, denn es gab ein dreigängiges Menü mit Aperitif und Bedienung, in den USA dagegen bot mir niemand Lunch an und in der Mongolei war das Essen der Soldaten etwas gewöhnungsbedürftig.

Israel - Pakistan

Israel – Pakistan

Meine Reisen für dieses Projekt führten mich in fast dreißig Länder.  … In manchen Ländern bedurfte es viel, sehr viel Geduld, ja einiger Jahre, um die Genehmigung zu bekommen. … Ich reise allein, und oft war es ein Abenteuer. Immer hatte ich einen 22 Kilogramm schweren Rucksack mit meiner Ausrüstung, zwei Kameras und einer Videokamera auf dem Rücken, mein persönliches Gepäck war stark reduziert und bestand manchmal nur aus einem zusätzlichen kleinen Rucksack.

Herlinde Koelbl und Frank-Walter Steinmeier im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Herlinde Koelbl und Frank-Walter Steinmeier im Deutschen Historischen Museum in Berlin

Rund um die Ausstellungseröffnung sind viele Interviews mit Herlinde Koelbl erschienen. Spiegel Online sprach am 09.05. mit der Fotografin und zeigt eine Bildstrecke aus dem Buch, auch die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Arte Metropolis sendete am 9.5. einen ausführlichen Beitrag mit Herlinde Koelbl und auch Und auch Titel Thesen Temperamente berichtete am 11.5.

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Mehr Informationen zum Buch auf prestel.de

 

 

 

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